Doppelmoral, Risikominimierung und noch viel Arbeit

In großen amerikanischen Städten wie zum Beispiel Washington und New York City werden aus Gründen der öffentlichen Gesundheit gratis Kondome verteilt, um möglichst ungeschützten Geschlechtsverkehr und damit die Übertragung von HIV zu verhindern und das ist gut so. In den gleichen Städten können immer noch Frauen festgenommen werden, wenn sie mehr als drei Kondome bei sich haben, denn das spricht dafür, dass sie Prostituierte sind. Prostitution ist in diesen Städten nämlich verboten, findet aber genau so wie überall auf der Welt statt. Das ist Doppelmoral.
In einem Gespräch mit Politikern aus arabischen Ländern waren wir uns nach kurzer Diskussion einig, dass HIV sich vor allem in Gefängnissen sehr verbreitet. Und auf Nachfrage glaubte niemand der anwesenden Herren, dass Gefängnisse Sex-freie Zonen sind. Doch dort Kondome niederschwellig zugänglich machen, das kam für sie nicht in Frage, man würde so ja der Homosexualität Vorschub leisten und das geht nicht. Kondome ebenso wie frische Spritzen in Gefängnissen einfach zugänglich zu machen, wäre aber eine sehr wichtige Maßnahme, um die Ausbreitung von Aids zu stoppen. Das wäre “harm reduction”, wohl am besten mit Risikominimierung zu übersetzen, und die stimmt oberflächlich nicht immer mit den herrschenden Moralvorstellungen überein. Trotzdem ist sie notwendig.
Es ist noch viel zu tun, in den Gesetzen und den Gesundheitseinrichtungen, in den Gefängnissen, den Schulen und auf den Straßen dieser Welt, vor allem aber gilt es, in den Köpfen vieler EntscheidungsträgerInnen Bewusstsein zu bilden, das auf wissenschaftlicher Grundlage beruht und nicht auf Vorurteilen, falschen Moralvorstellungen oder einem Wissen um den Virus, das aus den 1980ern stammt. Und dazu liegt noch viel Arbeit vor uns.

Über petrabayr

Petra Bayr ist sozialdemokratische Abgeordnete zum Nationalrat, kommt aus Wien Favorien und ist vor allem im Bereich globale Entwicklung aktiv.
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